7 % weniger Unternehmensinsolvenzen im Mai 2021 gegenüber April 2021

Jochen StahlAktuelles

Hinweise auf die künftige Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen gibt die Zahl der eröffneten Regelinsolvenzverfahren. Im Jahr 2020 war diese von Monat zu Monat gesunken, bis sich zum Jahresende im November (+5 %) und Dezember (+18 %) eine Trendumkehr abzeichnete. Im 1. Quartal 2021 setzte sich der Anstieg mit Ausnahme des Januars (-5 %) fort. Im Februar 2021 (+30 %) und März (+37 %) stieg die Zahl jeweils deutlich gegenüber dem jeweiligen Vormonat. Ab April waren die Zahlen rückläufig: So sank die Zahl der eröffneten Regelinsolvenzverfahren im April im Vergleich zum März um 17 %, sie lag allerdings weiterhin über dem Niveau des Vorjahresmonats (+10 % gegenüber April 2020). Im Mai 2021 sank die Zahl eröffneter Regelinsolvenzverfahren weiter, wenn auch nicht mehr ganz so stark: So wurden im Mai 7 % weniger Verfahren eröffnet als im April. Die Zahl lag 5 % höher als im Mai 2020.

Die Wirtschaftsbereiche, die stärker vom Lockdown betroffen waren, Handel und Dienstleistungen, zeigten in den ersten sechs Monaten ein zunehmendes Insolvenzaufkommen.

Nach der Vielzahl an großen Insolvenzen im Handel im Vorjahr (z. B. GALERIA Karstadt Kaufhof) traf es nun vermehrt kleine und mittlere Firmen. Im Dienstleistungsgewerbe gab es 5.120 Insolvenzen, das war ein leichter Anstieg. Im verarbeitenden Gewerbe war hingegen ein Rückgang festzustellen

Bei den Unternehmensinsolvenzen führen maßgeblich die staatlichen Eingriffe und Hilfsmaßnahmen zu einem weiteren Rückgang der Fälle. Der Schutzschirm endet zum 30.06.2021. Dennoch erwarten die Kreditversicherer 2021 nur einen leichten Zuwachs an Insolvenzen. Viele der Förderungen bleiben weiter bestehen, das stützt die Wirtschaft. Zudem wäre es im Wahljahr sehr unpopulär, beispielsweise das Kurzarbeitergeld nicht zu verlängern oder eine Insolvenzwelle loszutreten.

Die Zahl der Privatinsolvenzen hingegen schnellte in die Höhe.

50,3 % mehr Verbraucherinsolvenzen im 1. Quartal 2021 als im 1. Quartal 2020

Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen ist im 1. Quartal 2021 im Vergleich zum Vorjahresquartal um mehr als die Hälfte gestiegen. 22 686 Verbraucherinnen und Verbraucher stellten einen Insolvenzantrag, das waren 7 591 oder 50,3 % mehr als im 1. Quartal 2020: 15 095. Der starke Anstieg steht im Zusammenhang mit einem Gesetz zur schrittweisen Verkürzung von Restschuldbefreiungsverfahren von sechs auf drei Jahre. Die Neuregelung gilt bereits für ab dem 1. Oktober 2020 beantragte Verbraucherinsolvenzverfahren. Sie ermöglicht den Betroffenen einen schnelleren wirtschaftlichen Neuanfang im Anschluss an ein Insolvenzverfahren. Daher ist davon auszugehen, dass viele überschuldete Privatpersonen ihren Insolvenzantrag zunächst zurückhielten, um von der Neuregelung zu profitieren

Zunehmend treten weitere brisante Herausforderungen der Wirtschaft in den Fokus. Zahlreiche Unternehmer stöhnen über massiv gestiegene Rohstoffpreise. Getreide, Holz, Stahl, Kupfer, Rohöl etc. – es betrifft fast alle Rohstoffe. Preissteigerungen im zweistelligen, teilweise bis zu dreistelligen Prozentbereich sind nicht selten.

Ab 2022 wird es spannend. Dann erwarten die Kreditversicherer und wir als Gläubigerschutzverband der Schmuck- und Uhrenbranche, aber auch die Insolvenzanwälte aus unserem Netzwerk, eine sich belebende Konjunktur. Leider stellen wir uns aber auch auf eine deutliche Zunahme der Zielüberschreitungsmeldungen in der Kreditversicherung, eingeleiteten Inkassoverfahren und Insolvenzen ein. Zu hoffen ist, dass ihre Anzahl nur leicht die Insolvenzzahlen 2019 überschreitet. Potenzial für mehr Insolvenzen haben Deutschland und Westeuropa definitiv.

Das ungeliebte Thema Insolvenzanfechtung wird uns über die nächsten Jahre intensiver begleiten. Viele der Unternehmen, die für sich die Insolvenzantragspflicht aussetzten, waren dazu nicht berechtigt. Sie hätten innerhalb der vergangenen Monate schon längst die Insolvenz beantragen müssen.

Wie sollten Unternehmen nun vorgehen, in dieser herausfordernden Phase zwischen Pandemie und Post-Pandemie? Unsere Empfehlung: Stellen Sie jetzt die Weichen in eine liquide Zukunft. Prüfen Sie Ihre Lieferanten, sichern Sie sich ab und sorgen Sie für genügend Kleingeld, um Aufträge anzunehmen und die nötigen Investitionen zu tätigen

Bemerkungen:

Die vorläufigen monatlichen Angaben, hier für Mai 2021, basieren auf aktuellen Insolvenzbekanntmachungen aller Amtsgerichte in Deutschland. Sie können durch Dubletten und andere Qualitätseinschränkungen betroffen sein und stellen daher vorläufige Angaben dar. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht die Entwicklung der eröffneten Regelinsolvenzverfahren in Deutschland während der Corona-Krise monatlich auf der Corona-Sonderseite im Internetangebot des Statistischen Bundesamtes.